Janina Brügels Reihe „Menschen bei Nacht“ ist eine Hommage an den deutschen Dichter Rainer Maria Rilke. Indem die Malerin Rilkes gleichnamiges Gedicht ("Menschen bei Nacht", Rainer Maria Rilke, 25.11.1899, Berlin-Schmargendorf) Vers für Vers in ihre Bildsprache interpretiert, setzt sie sich intensiv mit Rilkes Menschenbild auseinander. Rainer Maria Rilke ist mit seinem dunklen, tragisch-schönen Gedicht „Menschen bei Nacht“ meisterhaft gelungen, in nur wenigen Strophen ein schonungsloses und zeitloses Portrait des Menschen zu zeichnen: Knallhart enttarnt er das menschliche Miteinander: Die Unerträglichkeit der Einsamkeit, die gerade nachts laut nach Hilfe ruft; das Benutzen, das Instrumentalisieren des Anderen, um die Erfüllung der eigenen, unerfüllten Bedürfnisse und Sehnsüchte zu erzwingen. Die verzweifelte Suche danach, sich selbst und das Leben spüren zu wollen, weil man dazu allein nicht in der Lage ist. Bis hin zur Aufgabe aller menschlichen Würde. "Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so musst du bedenken: wem. Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen. " Im ersten Teil des Gedichtes spricht Rilke vom einzelnen Menschen, der nachts für sich in seiner Wohnung sitzt. Die Szenerie ist eher düster, der Mensch ist allein und ist mit diesem Zustand wohl aber nicht zufrieden. Die ersten Arbeiten der Reihe transportieren genau diese Stimmung: Die Bilder sind ruhig, friedlich, aber nicht fröhlich. Der mit der Rakel aufgetragene Hintergrund schafft eine etwas beklemmende Atmosphäre, welche die Einsamkeit der Protagonisten unterstreicht; die Farben sind verhältnismäßig dunkel, um das nächtliche Milieu einzufangen. In "Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht" (das erste Bild des Zyklus) sitzt ein Mann nachts in einer Bar – dabei ist er, wie auch die anderen Menschen auf dem Bild, zwar unter vielen Menschen, bleibt aber doch allein. Nach Rilke ist diese Einsamkeit allerdings erstrebenswerter, als in der Dunkelheit nach Gesellschaft zu suchen: Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft. Doch das ist noch nicht alles. Gesellen sie sich nachts zusammen, wird es richtig wild, sie feiern, der Wein fließt, alles riecht nach Exzess. Diese Wendung des Gedichtes ist in den Bildern treffend wiedergegeben: Die Menschen sind außer Rand und Band, anzüglich, vulgär, sogar nackt, nicht mehr Herr über sich selbst. Die Farben kräftig bis schreiend, der Hintergrund lückenhaft, das Weiß der Leinwand immer wieder aufblitzend", leichtsinnig, chaotisch hingeschmiert. Inzwischen ist der Abend weit fortgeschritten, die Dämmerung bricht nun bald an, die Kräfte sind erschöpft. Die Szenen werden wieder gemäßigter. Betrunkene führen weitschweifig, gestenreiche, vermeintlich tiefschürfende Gespräche, in denen sie sich wunderbar einig sind (verstehen), da jeder nur von sich spricht. Ich und ich, der Andere wird zur Plattform degradiert, für ihn interessiert sich niemand, man macht sich nicht einmal die Mühe, diesen Anschein zu erwecken. Ich und ich, und doch: inhaltlich wird nichts vom „Ich“ vermittelt, nichts Wesentliches, nichts Echtes oder gar Persönliches erzählt. Die Gespräche bleiben hohl, sie kratzen nicht einmal an der Oberfläche. Auf dem letzten Bild (eines der größten, 150 x 140 cm) sitzen die Protagonisten auf einem Kinderkarussell, auf die zu kleinen Tiere gequetscht, der Blick wässrig, die Augen blutunterlaufen, jeder ist bei sich in seiner eigenen verrückten Welt, jeder scheint gierig und unersättlich „Mehr, mehr“ zu rufen. Die anderen sind egal. Am Rechten Rand sind noch die dunklen Zipfel der Nacht zu sehen, auf dem Rest des Bildes ist der Morgen, der hier nichts Gutes bringen kann, schon angebrochen. Über dem Karussell schweben Schweineköpfe, die unterstreichen, was wir sowieso schon wissen: Ist der Mensch seiner Empathie, seines Interesses für den Mitmenschen, seiner Kontrolle und seiner Vernunft beraubt, kann er direkt auf das Tierische, das Fleischliche reduziert werden und ist der Bezeichnung „Mensch“ nicht mehr würdig.

Und haben sie nachts sich zusammengesellt | Malerei
Und haben sie nachts sich zusammengesellt | Malerei
Über Janina Brügel

Die deutsche Malerin Janina Brügel, 1983 geboren, lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Nürnberg. Nach einem Abschluss in Medizin widmete sie sich der Malerei. Seit 2003 arbeitet die Malerin an ihren bekannten Menschenbildern und widmet sich darin der Komplexität und Vielschichtigkeit des Menschseins.

Fokus auf dem Menschen

In Janina Brügels Bildern geht es um den Menschen. Je nach Thema ihrer Werk-Zyklen verknüpft sie historische Personen mit der Gegenwart, interpretiert Poesie (Rilkes Menschenbilder) auf der Leinwand oder befasst sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte, die von Flucht und Vertreibung auf der einen und den Annehmlichkeiten der damaligen upper class auf der anderen Seite geprägt ist. Ihre Arbeiten zeigen das innere Spannungsfeld des Menschen auf: Als rationales Wesen ist er in seinen Entscheidungen zwar vordergründig frei, ist aber letzten Endes doch ein Spielball des Schicksals.

  • 2
    Preise
  • 4
    Einzel-​ausstellungen
Weitere Kunstwerke von Janina Brügel